Anna Katharina Emmerick 1774-1824

von Peter Groth

Übersicht - Einleitung - Preußen und Westfalen - Romantik - Freud und das Unheimliche (Schauergeschichten) - Romantische Medizin/Mesmerismus - Parallelfälle (Hauser/Prevorst) - Brentano - Brentano und Luise Hensel - Leben der A. K. Emmerick - Krankengeschichte - Wunden - medizinische Deutungsversuche - Psychische Auffälligkeiten - Hysterie - psychologische Deutungsversuche - Zusammenfassung


Medizinische Deutungsversuche

Die Symptomatik aus heutiger Sicht

Für die Krankengeschichte der Emmerick habe ich mich im Institut für die Geschichte der Medizin an der Freien Universität Berlin durch Prof. Dr. Rolf Winau und Frau Dr.Bleker beraten lassen. Frau Bleker gab mir neben einigen Erläuterungen zur historischen medizinischen Terminologie den Hinweis, mich des "Eulenburgs" zu bedienen, in dem ich dann, was die Symptomatik betrifft, auch fündig wurde. Das Hauptproblem bei der Beurteilung der Kranken liegt in den Beobachtungen der Ärzte und der nicht mehr gebräuchlichen Terminologie. So ist es kaum zulässig, etwa den Begriff "gallichtes Wechselfieber" in die heutige Terminologie zu übertragen, weil nicht klar ist, was exakt gemeint ist. Die Beobachtungen der Ärzte sind an die medizinischen Paradigmen ihrer Zeit gebunden, so daß nur damals deutungsfähige Phänomene beschrieben, andere aber gar nicht wahrgenommen wurden. So wird in den Quellen häufig ein Zusammenhang zwischen den Wundblutungen und der Mensis hergestellt (vikarierende Blutungen, als Begriff noch 1904 bei Binswanger üblich!) oder zwischen Harnverhalten und Blasenbildung auf dem Magenkreuz. Diese Beobachtungen lassen sich leicht in die damals schon überholte Humoraltheorie (Säftelehre des Galen und Paracelsus) einordnen.

Viele Begriffe wurden summarisch und unspezifisch gebraucht.. Rachitis muß nicht unbedingt dasselbe bedeuten, was ein heutiger Arzt damit ausdrückt. Es kann durchaus eine allgemeine körperlich schwache Konstitution gemeint sein. Wesener läßt sich über seine Beobachtung nicht im Einzelnen aus. Die häufig erwähnte "Pleuritis" dürfte wie auch heute als Synonym für Rippenfellentzündung, aber darüber hinaus auch für Lungenentzündung gebraucht worden sein. "Rheumatisch" bedeutete schlicht "schmerzhaft", "Hepatitis" war vermutlich nur der Ausdruck für Druck im Oberbauch. Was Wesener mit "Wassersucht" meinte ist nicht ganz eindeutig. War es die Gewohnheit der Patientin Unmengen Wasser zu konsumieren oder war es die Bezeichnung für Ödeme im heutigen Sinne?

Für die Symptome des Blutbrechens und Ausscheidens von Blut mit der Fäzes kann man vermutlich keine exakte Diagnose stellen, weil völlig unklar ist, wo der Ort der Blutung sich befand. Zumindest für das Blut im Stuhl und das erbrochene muß es mindestens zwei verschiedene Ursprünge geben. Das erbrochene Blut muß aus den oberen Organen stammen. Die Herkunft des erbrochenen und herausgewürgten Blutes kann der Magen, die Bronchien, die Speiseröhre, der Kehlkopf oder aber auch die Mundhöhle sein, es ist dann aber in der Fäzes nicht so leicht zu erkennen, weil es verdaut und somit schwarz wäre. Das Blut im Stuhl muß nahe des Rektums herrühren, weil es mit bloßem Auge nur dann als solches zu erkennen ist. Als Krankheitsbild bietet sich trotzdem eventuell ein Magen- oder Zwölffingerdarmgeschwür (Ulcus ventricoli / Ulcus Duodeni) an. Bei dieser Krankheit wird gelegentlich Blut erbrochen und es tritt auch Blut im Stuhl auf, jedoch als Teerstuhl.

Die Beobachtungen beider Ärzte, Krauthausen und Wesener, geben eindeutigen Indizien für eine schwere körperliche Erkrankung. Den Ärzten standen keine differenzierten Untersuchungsmöglichkeiten zu Verfügung, sie mußten sich auf äußere Beobachtung beschränken, wie sie auch in den Quellen überliefert sind. Eine retrospektive Diagnose ist somit äußerst erschwert. Trotzdem gibt es genug Anhaltspunkte, um eine Einkreisung der Krankheit zu wagen.

Rachitis

Wesener bemerkt in seiner "Kurzgedrängten Geschichte", die Emmerick sei von frühester Jugend schwächlich gewesen, und trüge noch die unzweifelhaften Spuren einer in frühester Jugend erlittenen Rachitis an sich. Weder Krauthausen noch Druffel bemerken diese Spuren. Rachitis, auch englische Krankheit genannt, ist eine durch Vitamin-Mangel infolge unzureichender Sonnenbestrahlung verursachte Stoffwechselerkrankung, die mit typischen Skelettveränderungen (Brustkorbdeformation = Hühner- / Trichterbrust, Säbelbeine, Wirbelsäulendeformation) einhergeht. Die Krankheit tritt vor allem bei Säuglingen und Kleinkindern auf. Die Hauptmanifestation liegt im 3. - 6. Monat. Zu den Symptomen der Rachitis gehören Unruhe, Muskelhypotonie, schlaffer Bauch, Kopfschweiß, Haarausfall am Hinterkopf, krankhafte Weichheit des knöchernen Schädels, Erweiterung der unteren Brustkorböffnung u.a.. Komplikationen einer Rachitis sind Neigungen zu entzündlichen Erkrankungen des Atemtraktes, Durchfälle und Tetanie (anfallartige Störung der Motorik). Anna Katharina Emmerick wird durchgehend als schwächlich und anfällig für Infektionskrankheiten beschrieben, sie litt später immer wieder unter Beschwerden der Atemorgane, möglicherweise ist diese mangelhafte Resistenz eine Spätfolge der Rachitis. Da Wesener seine Beobachtung nicht weiter ausführt, ist unsicher, ob er tatsächlich die Kinderkrankheit meinte.

Unterernährung, Hungersymptome

Trotz der diagnostischen Unsicherheiten habe ich verschiedene Ärzte um Einschätzungen gebeten. Die naheliegenste Erklärungsmöglichkeit für einige genannte Symptome wäre eine Form von Hungererkrankung. Die Mangelernährung kann primär Mitursache, aber auch Begleiterscheinung einer Krankheit sein. Im vorliegendem Fall ist sie wahrscheinlich beides. Direkte Folgen von langandauernder Unterernährung sind Störungen des Stoffwechsels, des Hormonhaushalts, Schwund der Körpergewebe sowie der Knochen und Störungen der inneren Sekretion. Infolge Eiweißmangels nach lang andauernder Unterernährung kommt es durch Ansammlung von Gewebsflüssigkeit in den Spalten des Unterhautzellgewebes zu Hungerödemen. Bei vollem Nahrungsentzug reichen die Energiereserven eines durchschnittlich ernährten, gesunden Menschen rund 50 Tage aus. Völlige Ruhe verringert die Stoffwechselleistung und erhöht die ertragbare Hungerzeit, doch wird der Grundumsatz nur um etwa 20% verringert, weil alle lebenswichtigen Stoffwechselvorgänge weiterlaufen müssen. Das Ausbleiben der Regelblutungen ist mit großer Wahrscheinlichkeit eine solches Resultat der Unterernährung, infolge derer die hormonelle Steuerung des Körpers gestört ist. Dieses Phänomen wird z.B. häufig bei Frauen beobachtet, die in Lagern gefangengehalten werden.

Eine bekannte Mangelerkrankung ist Skorbut. Skorbut kam häufig auf Schiffen, in belagerten Militäreinrichtungen und Städten vor. Die Krankheit wird ausgelöst durch die anhaltende Mangelernährung, fehlendes Tageslicht, Stress erzeugende Unterbringung und wird gefördert durch die psychische Disposition der Kranken. Skorbut äußert sich in vielfältigen Symptomen und nicht unbedingt einheitlich. Wichtige äußere Symptome sind u.a. Blutungen in der Haut und in den Schleimhäuten. Blutungen können, wenn dafür eine Disposition vorliegt, schon durch Reiben der Hautoberfläche provoziert werden. Gleichzeitig kann Blut durch die Schleimhäute der Speiseröhre und des Mundes abgesondert werden. A. K. Emmerick ist jederzeit in der Lage, Blut aus dem Mund hervorzubringen, was darauf hindeutet, daß die Blutungen eher im oberen Teil des Halses, also in den Schleimhäuten, ihre Ursache haben und nicht im Magen. Dies ist insbesondere deshalb zu vermuten, weil die Peristaltik der Speiseröhre nicht der willkürlichen Kontrolle des Bewußtseins unterliegt.

Andere mögliche Krankheiten

Etwas ferner, aber ebenso gut möglich ist eine Leberzirrhose oder ein metastasierender Magenkrebs. Für die Leberzirrhose spricht, daß bei diesem Krankheitsbild ebenfalls Bluterbrechen und Hautblutungen an den Extremitäten und am Kopf auftreten können, zudem wäre die anhaltende Unverträglichkeit von Speisen erklärbar. Das bei der Leberzirrhose, Hepatitis und auch bei manchen Karzinomformen auftretende Palmar - Syndrom zeigt symmetrische und chronische Erytheme der Handteller und Fußsohlen.

Für das Erscheinen der Wunden, unabhängig von inneren Erkrankungen, gibt es eine ganze Reihe von Erklärungen, die aber überwiegend mit psychogenen Faktoren zusammenhängen. Erwähnt sei hier das Krankheitsbild "Akrodynie" und Erythromelalgie. In der Literatur zur Dermatologie finden sich mannigfaltige Krankheitsbilder, die mit Blutungen der Hände und Füße und anderer Körperpartien einhergehen. Eine besondere Verbindung zu den Symptomen der Emmerick findet sich im Kreis der tuberkulösen Erkrankungen, besonders der Lungentuberkulose und der Hauttuberkulose.

Lungentuberkulose

Eine Krankheit, in der die meisten der angegebenen Symptome auftreten und die daneben psychische Auswirkungen hat, ist die Lungentuberkulose, auch Schwindsucht, griechisch Phthisis pulmonum und seinerzeit Skrofulose genannt. Die Lungentuberkulose ist inzwischen, zumindest in Mitteleuropa, eine exotische und historische Krankheit. Für Wesener und Krauthausen blieben die Zusammenhänge noch im Dunkeln, während die meisten heutigen Ärzte kein exaktes klinisches Bild mehr haben, weshalb weder die zeitgenössische, noch die derzeitige Medizin die Krankheit der Emmerick der Lungentuberkulose zugeordnet haben. Zeitgenössische Ärzte konnten zwar auf ihre empirisch gewonnenen Erfahrungen bauen, sie konnten aber nur wenige Krankheiten genau bestimmen, was schon an der vieldeutigen Terminologie kenntlich wird. Die kausalen Zusammenhänge einer Infektionskrankheit blieben ihnen noch verschlossen. Erst mit der Begründung der Bakteriologie, die mit der Entdeckung des Tuberkelbazillus (Mycobacterium tuberculosis, durch Robert Koch 1882) eng verknüpft ist, können Symptome und Verlauf der Lungentuberkulose verstanden werden.

Zwar gibt es erst seit den 1870er Jahren für Westfalen statistische Angaben darüber, wie hoch der Durchseuchungsgrad war, man kann aber davon ausgehen, daß mindestens die Mehrheit der Bevölkerung mit Tuberkelbazillen infiziert war. Für die ersten statistischen Untersuchungen geht man von 90% der Gesamtbevölkerung Westfalens aus, wobei allerdings das Ruhrgebiet mit seinen Bergwerken mit eingeschlossen ist.

Wesener hat die Krankheit als Todesursache angegeben. Seine abschließende Diagnose lautete auf Phthisis pituitosa was nichts anderes als auf Schleim bezogene Schwindsucht bedeutet. Er benutzt jedoch nicht den Ausdruck Phthisis pulmonum. Katarrhe, Husten und Pleuritis waren tatsächlich immer wiederkehrende Erkrankungen der Emmerick schon seit ihrer Lehrzeit. Ein deutlicher Hinweis auf Lungentuberkulose ist das profuse nächtliche Schwitzen, welches von Wesener wiederholt konstatiert wurde. Wesener war sicherlich mit dem Krankheitsbild der Lungentuberkulose vertraut, schon der Mediziner Thomas Sydenham (1624 - 1689) hatte 1661 - 1675 ein Kompendium mit der lehrbuchhaften Beschreibung von Krankheiten verfaßt. Dieses Werk, die "Observationes medicae circa morborum acutorum historiam et curationem" wurden just um 1800 in die deutsche Sprache übertragen und es ist wahrscheinlich, daß Wesener mit dieser Frucht der Aufklärung in seinem Studium in Berührung kam. Über die Lungentuberkulose ist vermerkt: "Die Phtise beginnt zwischen dem 18. und 35. Lebensjahr. Der ganze Körper wird abgezehrt. Es besteht ein quälender hektischer Husten, der bei Nahrungsaufnahme zunimmt. Dieser wird begleitet von einer Beschleunigung des Pulses und von Rötung der Wangen. Der mit dem Husten geförderte Auswurf ist blutig und eitrig. Wenn er erhitzt wird, riecht er faulig. Wird er in Wasser gelegt, so sinkt er unter. Nachts bricht Schweiß aus. Im Laufe der Zeit werden die Wangen livide, das Gesicht blaß, die Nase scharf. Die Schläfen sinken ein, die Nägel biegen sich einwärts, die Haare fallen aus, und es entleert sich ein schleimig - eitriger Stuhlgang - Vorzeichen des Todes."

Auch die "untrüglichen Zeichen einer in frühester Jugend erlittenen Rachitis" können in diesem Zusammenhang interpretiert werden. Rachitis ist eine Kinderkrankheit und bewirkt durch Stoffwechselstörungen eine Erweichung der Knochen, so daß diese sich bei Belastung verformen und später die veränderte Form beibehalten.

Mögliche bleibende Schäden der Rachitis sind sogenannte "Säbelbeine" oder eine Rückgratdeformation. Fraglich ist, ob Wesener solche Schäden mit seiner Bemerkung gemeint hat. Anna Katharina Emmerick ist im Tagebuchzeitraum nicht aus ihrem Bett aufgestanden und weigerte sich sogar ihren "Posterior" zu entblößen. Wesener behandelte zwar den decubitus, der für gewöhnlich am Kreuzbein auftritt, dabei mußte sich die Emmerick aber nicht vollständig entblößt haben. Wesener konnte also seine Bemerkung nur auf eine offensichtliche körperliche Veränderung bezogen haben, die er wiederholt wahrnahm und das waren vor allem die Wunden am Brustkorb.

Eine Spätfolge von Rachitis ist die sogenannte "Hühnerbrust" oder "Trichterbrust". Zu einer Verformung des Brustkorbes kommt es aber auch bei Lungenschwindsucht. "Durch Veränderung der oberen Lungenabschnitte kommt es bei chronischer Phthise zur Ausbildung einer eigentümlichen Form des Brustkorbes, durch den Zug der schrumpfenden Lungenspitzen wird der obere Teil des Sternums (Brustbein) der Wirbelsäule genähert, so daß der Sternalwinkel besonders stark hervortritt.... Mit anderen Worten: durch die tuberkulöse Lungenerkrankung entsteht die paralytische Thoraxform, die bereits oben als habitus phthisicus besprochen worden ist."Wesener kann das Phänomen des deformierten Brustkorbs fälschlicherweise auf rachitische Ursachen bezogen haben, während es tatsächlich die Folge der Lungentuberkulose war.

Infektionen fallen häufig in die Kindheit oder ins späte Alter. Eine Infektion bedeutet jedoch noch nicht Ausbruch der Krankheit. Verantwortlich für den Ausbruch der Krankheit ist das Zusammenwirken verschiedener Faktoren: äußere, Prädisposition, Zustand der Immunabwehr usw.

Da sind zunächst die äußeren Bedingungen wie der andauernde Aufenthalt in stark partikelhaltiger Luft (Staub, Rauch usw.), das Fehlen von Sonneneinstrahlung und allgemein unhygienische Verhältnisse. Diese Bedingungen dürften sich weit verbreitet in den engen, dunklen Behausungen der Landbevölkerung um 1800 gefunden haben. Brentano beschreibt die Kate, in der A. K. Emmerick großgeworden ist aber auch die allgemeinen häuslichen Gegebenheiten im Münsterschen:"Das ganze Haus ist gewissermaßen um den Herd versammelt. Das Feuer auf eiserner Platte an ser Erde, an einer Mauer und was zum Herde gehört ist immer am besten in der Ordnung im ganzen Haus. Der erste Eintritt ins Haus führt direkt in diese Küche, in der auch das ganze Leben vor sich geht. Die Schlafstellen sind in den Wänden in einer Art eingemauerter Schräncken, deren Thüren bei Tag geschlossen sind, angebracht, oft in der Küche selbst, öfter in einer dicht anliegenden Tenne stehen links und rechts Kühe oder Pferde auf etwas tieferen Boden, so daß ihre Futtertröge ebener Erde stehen und sie durch Pfähle fressend die Köpfe hereinstecken. In einem Haus sah das Kind, damit es nicht ins Feuer fallen mogt, in dem runden Ausschnitt eines Brettes das sich an einer Stange um einen Pfeiler bewegte im Kreiße herumlaufen. Am anderen Ende dieses großen Raumes oder in der durch ein Thor abgesonderten Tenne wird gedroschen oder Flachs gebrochen, oben drüber liegt das Heu, Stroh und Getreide. (...) Bei armen Bauern ist alles dieses roher und einfacher, aber immer sehr vertraulich und heimatlich. Eines nur, was jedoch immer seltener wird, beschwehrt den Ungewohnten in den Wohnungen der Ärmeren Leute sehr, nehmlich der Mangel eines Rauchfangs, der Rauch zieht nach Belieben allen Öffnungen hinaus, was bei Regentagen sehr unangenehm ist, weil dann die Wohnung oft von dichtem Rauch erfüllt ist. ." In der Kate wurde sowohl gewohnt, als auch gearbeitet, d.h. ein großer Teil des Tages wurde in ihr zugebracht. Hier waren äußere Voraussetzungen für eine Begünstigung der Lungentuberkulose gegeben. Ein besonderer Gefährdungsfaktor ist das Zusammenleben mit Rindern, wobei die Rindertuberculose (auch durch die Milch) übertragen werden kann.

Sowohl Wirkung der Lungentuberkulose als auch förderlich für ihren Ausbruch sind eine allgemeine schwache Konstitution. In diesem Fall bleibt offen, was Henne ist, was Ei. Die andauernde Appetitlosigkeit der Emmerick kann psychische Ursachen haben aber auch Folge der Schwindsucht sein. Der Name der Krankheit beschreibt ihre äußerliche Wirkung. Muskulatur, Knochen und Fettgewebe schwinden, das Erscheinungsbild einer Schwindsüchtigen ist geprägt durch auffallende Blässe, neuromuskuläre Schwäche und zunehmende Abmagerung. Wenn die Emmerick vor Auftreten der Lungentuberkulose schon krankhaft zur Magersucht neigte, begünstigte das natürlich den offenen Ausbruch der TBC. Denkbar ist eine Art Hand - in - Hand Effekt, wobei eine psychische Vorbelastung vorhanden war, die durch die fortschreitende Lungentuberkulose verstärkte wurde.

Die Folge einer chronischen Mangel- oder Unterernährung ist die nachhaltige Störung des Stoffwechsels und des Hormonhaushalts. Indiz hierfür ist die Unregelmäßigkeit der Menstruation, die Krauthausen erstmals 1803, also zu Beginn der Klosterzeit feststellte. Nächst den Infektionskrankheiten sind es chronische Störungen des Stoffwechsels und Veränderungen des Gesamtorganismus, die zur Lungentuberkulose führen.

Auslösend für die Krankheit kann aber auch ein Trauma - eine stumpfe Verletzung des Brustkorbs durch Stoß, Fall, Schlag oder Quetschung - sein. Auch diese Bedingung ist bei A. K. Emmerick gegeben, erinnert sei an den Sturz des Wäschekorbes im Jahr 1805. Die letzteren Fakten sind erst nach 1802 sicher bezeugt, es ist aber davon auszugehen, daß die Krankheit schon vorher virulent war. Entscheidendes Indiz für frühzeitiges Auftreten der Lungentuberkulose kann die Aufgabe der Lehrstelle im Jahr 1793/94 sein. Nach Aussage der Lehrherrin Krabbe lag dem Abbruch kein Zerwürfnis zugrunde, auch sei die Emmerick immer fleißig und zuvorkommend gewesen. Einziger Grund für den Abbruch sei eine Krankheit gewesen. Diese muß also derart schwerwiegend gewesen sein, daß die Emmerick völlig aus der Bahn geworfen wurde. In den Quellen findet sich allerdings kein Anhalt dafür, daß die Emmerick anschließend länger den üblichen Anforderungen nicht standgehalten hätte oder länger pflegebedürftig war. 1794 arbeitet sie schon wieder als selbständige Näherin.

Kopfschmerzen gehören ebenso wie Brustschmerzen zur Symptomatik der Krankheit. A. K. Emmerick berichtet vom erstmaligem Auftreten der Kopfschmerzen zu der Zeit, als sie bei Söntgen wohnte, etwa um 1800. Kopfschmerzen bleiben ihr ständiger Begleiter, auch wenn sie diese als Vorboten der "Dornenkrone" interpretiert.

Lungentuberkulose ist eine Infektionskrankheit, die sich zuerst in den Schleimhäuten der Lunge festsetzt. Weitet sich die Krankheit aus, bilden sich Infektionen an anderen Organen, vornehmlich an solchen, die ebenfalls mit einer Schleimhaut umgeben sind. Dazu gehören Magen, Darm, Kehlkopf, Rachen/Mundhöhle, Nase, Ohr. Ebenso können andere Organe wie Leber, Milz, Urogenitalapparat, Blase und Niere befallen sein. Die im Spätstadium ständig brennenden Augen und die Unterleibsentzündungen der Emmerick deuten auf eine solche sich ausweitende Infektion hin.

Eine erste Nebenwirkung der Lungentuberkulose betrifft meist den Verdauungstrakt. Hierbei kommt es zu Komplikationen im Magen, wo sich Tuberkelbazillen festsetzen, es folgt häufig eine chronische Gastritis. Die anhaltende Übelkeit, die Unverträglichkeit von Speisen und das ständige Erbrechen lassen sich hiermit in Verbindung bringen. Ob das blutige Erbrechen nun in Verbindung mit einer Gastritis steht, ist nicht sicher, da Blutungen einer Lungentuberkulose auch in der Lunge oder den oberen Atmungswegen ihre Ursache haben könnte. Möglicherweise kommen beide Quellen in Betracht. Ein Hinweis könnte die Farbe des Blutes geben. Blutungen, die aus der Lunge herrühren, sind eher hellrot, da es sich um arterielles Blut handelt. Krauthausen beschreibt die Eigenschaften des erbrochenen Blutes als dunkelbraun und koaguliert, so daß das bekannte Lungenbluten der Tuberkulösen hierbei wohl nicht in Betracht kommt. Allerdings erwähnt Wesener öfter blutiges Husten. Einmal ist die Rede von einem Erstickungsanfall, der sich erst legt, als die Emmerick münzgroßen eitrigen Schleims auswirft, auch dies ein deutlicher Hinweis auf Lungentuberkulose, für die eitriges, münzenförmiges Sputum charakteristisch ist.

Profuse Nachtschweiße gehören zu den Symptomen einer entwickelten Lungentuberkulose. Die Berichte aus der Klosterzeit lassen darauf schließen, daß die Krankheit schon dort weit fortgeschritten war.

Katarrhe und Pleuritis sind beständige Begleiterscheinungen der TBC, erstmals sind diese Symptome für 1802, also der Zeit des Noviziats belegt.

Sowohl akute als auch chronische Fieberzustände können auftreten. Die akuten Fieber können vielleicht mit den "gallichten Wechselfiebern" übereinstimmen, da die akuten Fieber schubartig auftreten um dann kurzfristig wieder der Normaltemperatur zu weichen. Fieberschübe treten in diesem Zusammenhang auf als Folge von Lungenblutungen, neuen Infektionsherden, körperlicher oder psychischer Überanstrengung der Kranken. In jedem Fall stehen Fieberanfälle für ein Fortschreiten der Krankheit. Chronische Fieberzustände sind ebenfalls typisch für Lungentuberkulose; wechselnde Fieber, bei denen tägliche Temperaturschwankungen sehr groß werden können. Bei solch stark schwankenden "hektischen" Fieber steigt die Temperatur meist in wenigen Stunden unter Frösteln auf 39 oder 40, selbst 41 Grad und fällt nach kurzer Zeit unter starkem Schweißausbruch wieder ab zur Norm oder selbst unter die Norm. Die Tageszeit der Maxima und Minima kann unterschiedlich auf Morgen, Mittag oder Abend fallen. In jedem Fall kann das Fieber Halluzinationen auslösen oder halluzinatorische Zustände stützen.

Von besonderer Bedeutung im Zusammenhang mit den als Stigmata interpretierten Hautdefekten ist, daß Tuberkulose auch als Hauttuberkulose auftritt.. Hauttuberculose erscheint, wenn überhaupt, erst im fortgeschrittenem Stadium einer Lungentuberkulose als metastasierender Herd. Da die Symptomatik der "tuberculosis cutis" nicht zwingend mit den Stigmata der Emmerick übereinstimmt - die Hautdefekte sind recht genau abgegrenzt und erscheinen an symbolischen Stellen - kann dieses Phänomen für die Erklärung erst einmal zurückgestellt werden.